wurzeln - تجذر

wurzeln  تجذر

CD Kritik

JAZZ'N'MORE – Das Schweizer Jazz & Blues Magazin 01/2020

Jazz Thing & blues rhythm

132


30 January 2020

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2019


Poesie und Klangkunst vereint

Der ägyptisch-schweizerische Sänger und Komponist Wael Sami Elkholy hat für seine erste Solo-CD Texte von Lyrikerinnen und Lyrikern aus seinem Freundeskreis oder aus seinem näheren Lebensumfeld ausgewählt und zu jedem Text eine höchst eigene Klangwelt erschaffen: Seinen expressiven Gesang begleitet er in einigen Stücken nur mit der akustischen Oud. In anderen aber erschafft er mit elektronischen Effekten und Instrumenten eine völlig neue Klangwelt jenseits von gewohnten Kategorien. Dabei schafft die Musik zusätzliche Deutungsebenen zum gesungenen Text. So bricht im Stück „Ast“ ein klassisch anmutender Oud-Taksim jäh in einen elektronischen Track um, der von einem knackenden Beat getragen wird. Der absurd anmutende Text über Gewächse wird so nicht nur illustriert, sondern um eine zusätzliche Brechung der im Zentrum stehenden Natürlichkeit bereichert.

Und in „ Fallwind“ swingt es vordergründig locker daher, aber bei genauerem Hinhören klingt das irgendwie doch fremd anmutend. So wird die innere Unruhe des Erzählers hör- und fühlbar. Noch vieles mehr gibt es auf die Ohren mit dieser CD: Strassengeräusche aus Kairo werden genauso zu Musik verarbeitet wie süsslich anmutende Synthesizer-Pads und verzerrte Riffs der Elektro-Oud. Waels warme Stimme und ihr expressiver Gesang führen uns Zuhörer durch dieses klangliche Panoptikum. unitrecords

Er ist entwurzelt ...


Ähnlich einem Baum, der sich mit seinen Wurzeln in seinem Lebensraum verankert,  verbringt der Mensch seine Jahre auch damit, sich zu verwurzeln, Verbindungen und Beziehungen mit seiner Umwelt zu knüpfen, zu Tradition, Religion, Familie, Sprache, Lebensart, Mitmenschen usw.

Während des Lebens muss jeder aber auch lernen, mit dem Verlust solcher Verbindungen umzugehen und sich wieder neue zu erschliessen.

Es sind Lebenskrisen, wenn jemand die Mutter, das Kind oder die Bezugsperson verliert, oder wenn jemand, wieso auch immer, seine Heimat, sein Nest oder seinen gewohnten Rhythmus hinter sich lassen muss, um auf fremdem Terrain neue Wege zu finden. Oft hört man, dass gerade solche Krisen einen schlussendlich aber stark machen, wenn man die Flexibilität hat, sich zu erneuern und sich an veränderte Konditionen anzupassen.

Das sind die wahren Überlebenden; wie tausendjährige Bäume oder wie die Geschöpfe der Evolution, welche sich aus der Veränderung ihres Lebensraums entwickelten.

In meinem Werk forsche ich mit diesen Elementen mittels Lyrik und Musik und reflektiere damit, was sich in mir persönlich als Immigrant aus dem arabischen Raum verändert hat, seit ich in der Schweiz bin.  Ich suche die Leidenschaft für die deutsche Sprache, und ich experimentiere mit den dazu möglichen Ausdrucksformen, die einem Sänger und Instrumentalisten zu Verfügung stehen.

Mit der akustischen Laute, E Laute und Elektronik möchte ich die Welt der Lyrik und das Klanguniversum der Stimme verbinden und andere Dimensionen von Sonorität ausdrücken. Ich setze mich auseinander mit Themen wie Ort und Zeit, Bäume, Vater,  Ichbewusstsein und Gewissen.

Themen, welche mit Verwurzelungen zu tun haben.

 

Der Rhythmus und die Klänge meiner Kompositionen sollen Tiefe, Inhalt und Dichte ausdrücken, wie die Worte der Lyriker in ihren Werken, und ich setze mir bewusst keine Grenzen in Bezug auf Genre sondern verbinde Elemente der Klassik mit Chanson und traditionellen Klängen.

 

Besonderen Dank gilt den Lyrikerinnen und Lyrikern aus meinem Freundeskreis oder aus meinem näheren Lebensumfeld, die mir ihre Texte zur Verfügung gestellt haben:


“Wo die Liebe hinfällt” von Karin Petersen, Burgdorf

“Erzähl mir” von Lilly Ronchetti, Reiden
“Ce n’est pas l’ombre...” von Anne Perrier, Lausanne

“Strandgut” von Roland Hilfiker, Oftringen

“Du liebe Zeit” von Madeleine Buess, Zofingen

“Nachherbst”, “Ast”, “Cairo” von Raphael Urweider, Bern

“Akher Wali” von Montasser Hegazy, Cairo
“Sirag” von Fu’ad Rifka, Syrien
“Fallwind” von Pedro Lenz, Langenthal, Olten


 

Wael Sami Elkholy

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